Einige Gedanken zum Zusammenhang von Sprachentwicklung und Gebetsleben
von Martin Hohmann

Zu Beginn des „Gotteslobes“ findet sich unter der Überschrift „Im Gebet antworten“ ein Text
von Klaus Hemmerle über den „Anfang des Gebetes“. Da fragt ein Meister seine Jünger nach eben diesem und erhält von ihnen verschiedene sehr plausible Antworten, die er allesamt gutheißt. Aber den Schlusspunkt des Gespräches setzt er schließlich selbst – mit einer abschließenden Klärung der Frage: „Aber es gibt noch einen Anfang, und der ist früher als alle jene, die ihr genannt habt. Das Gebet fängt bei Gott selbst an. Er fängt an, nicht wir.“
Beten ist also eine Form des Sprechens, die nach einem Gegenüber verlangt, auf das wir reagieren können, das uns voraus ist.
Das ist eine Überlegung, die nicht fernab liegt von dem, was wir über die kindliche Sprachentwicklung wissen:

  1. Schon vor der ersten Berührung mit der Mutter kennt das Kind im Mutterleib deren Stimme.
  2. Nach der Geburt wird bis zum zweiten Geburtstag in Begleitung der Mutter der Wortschatz ausgebildet. Nur wenn in der Mutterbindung die Vertrauensbasis, das „Urvertrauen“ grundgelegt wurde, richtet das Kind seinen fragenden Blick auch auf ihm noch unbekannte Menschen. Erst ab dem dritten Lebensjahr wird in sozialen Kontakten Inneres nach außen transportiert. Mit dem Ende des dritten Lebensjahres sind die grundlegenden Schritte der Sprachentwicklung abgeschlossen, immer gebunden an die Nähe und Zuwendung von Erwachsenen.
  3. Ähnlich wie in unserer Beziehung zu Gott ist das kindliche Entdecken der Welt auf Bindung und Geborgenheit angewiesen. Das Kind wie auch der Gläubige erschließen sich die Welt und sich selbst erst im vertrauten Umgang mit einem Gesprächspartner.
    In der Gottesbeziehung kann es sogar sein, dass Gott selbst in uns spricht. Sie erinnern sich vielleicht an die Stelle aus dem Römerbrief (Röm 8, 26): „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ Dazu bemerkt der „Youcat“, der Jugendkatechismus der katholischen Kirche: „Im Grunde bedeutet das: Aus der Tiefe meines Herzens heraus spricht Gott zu Gott. Der Heilige Geist hilft unserem Geist zu beten.“
    Beim Erlernen der „Sprache des Gebetes“ gilt es also vor allem, offen zu sein, hinzuhören auf das, was Er spricht.
    Die Mutter-Kind-Beziehung im Zuge der kindlichen Sprachentwicklung bietet für diesen Sachverhalt einen schönen Vergleich. Auch hier wird ein Mensch selbstständig und frei in der Bindung an ein Gegenüber. Und als Christen erleben wir dieses kindliche Urvertrauen im Glauben.

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