Zwei bis drei Priester in einem Dorf…

…das klingt für unsere Ohren wie ein Märchen, ist aber für Nigeria völlig real. So erzählte es mir Pater Stanley Ekwugha, als ich kürzlich bei ihm im Pfarrhaus zum Gespräch war. Erstaunen wandelte sich schnell in Verstehen, als wir über die Dimension eines Dorfes sprachen: 10–15 000 Menschen werden darunter gefasst. Damit relativierte sich die Aussage zur o.g. Anzahl von Priestern rasch.

Hauptsächlich drehte sich unsere Unterhaltung um Advent und Weihnachten in der so weit von Thüringen entfernten Heimat des Priesters.

Was ist aus Ihrer Sicht dem Weihnachtsfest in beiden Ländern gemeinsam, welche Unterschiede sehen Sie? Pater Stanley erzählt angeregt und meist lächelnd:

P. Stanley
  • In Deutschland feiert man Weihnachten vor allem in der Wohnung. Wir tun dies mit allen Verwandten im Freien, natürlich wegen der angenehmen Temperaturen.
  • Unser traditionelles Gericht zum Fest ist Reis mit Tomatensoße. Dazu werden Fleisch vom Huhn, einer Ziege oder Kuh gereicht – abhängig vom Wohlstand einer Familie.
  • Festkleidung darf ebenfalls nicht fehlen. Vor allem Kinder wären regelrecht beleidigt, wenn es keine neue Kleidung für sie gäbe.
  • Wir kennen auch Weihnachtskarten mit guten Wünschen. Sie werden jedoch persönlich überreicht. Briefmarken, Poststempel und -bote sind also nicht erforderlich.
  • Zu den Geschenken zählen vorzugsweise Palmwein, Geld, Reis, Tomaten, Seife, Creme oder Kleidung. Es kommt nicht selten vor, dass ein wohlhabender Mann für ein gemeinsames Essen recht vieler Menschen eine ganze Kuh verschenkt.
  • Häuser und Straßen werden sehr festlich geschmückt, ebenso ein Tannenbaum. Dieser ist aber verständlicherweise ausschließlich künstlicher Art.
  • „Silent night, holy night“ ist in Nigeria sehr beliebt. Doch klingen die vielen Lieder zum Hohen Fest in unserer Stammessprache Igbo tatsächlich etwas anders.
    Sie betonen den Jubel über die besondere Freude, die allen Menschen in der Geburt des Messias zuteil geworden ist und regen z.B. durch den Einsatz von Trommeln zum Tanzen und Klatschen an. Hier ein Beispiel.
(Quelle: wikipedia, Sprachen Nigerias)
  • Wie in Deutschland bauen wir Krippen auf. Jeder, der das Kind darin besucht, bekommt etwas weißen Puder auf die Hand, um sich damit Gesicht und Hals zu bestreichen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass wir dem Jesuskind, dem Mensch gewordenen Sohn Gottes, unsere Liebe bringen. Denn das ist so Brauch bei uns für jedes Neugeborene in der Familie. Krippenspiele kennen wir in Nigeria nicht. Aber ich mag sie in Deutschland sehr.
  • Unsere Dörfer sind während der Weihnachtszeit voller Leben, während die Städte wie ausgefegt scheinen. Denn jeder, der es sich finanziell oder terminlich leisten kann, kehrt in den letzten Dezembertagen an den Ort seiner Vorfahren zurück, mit dem er untrennbar verbunden bleibt – bis hin zur Bestattung am Ende des Lebens. Neue Mitglieder der Familie lernen sich kennen und stärken ihre Verbundenheit untereinander.
    Auf diese Weise wird auch vermieden, dass z. B. Cousin und Cousine sich in einer Stadt zufällig kennenlernen und unwissentlich innerhalb der Familie heiraten.
  • Mein Eindruck ist, dass man in Deutschland Weihnachten schon vor Weihnachten feiert. Für uns beginnt das Fest am 24. Dezember mit einer Heiligen Messe. Diese dauert nicht selten drei Stunden oder länger. Vor allem junge Menschen nehmen daran teil. Für die Älteren sind der teils lange Weg durch die Nacht wie auch das Feuerwerk zu gefährlich. Sie besuchen die Messe am ersten Weihnachtsfeiertag. Danach treffen sich alle Familien zum gemeinsamen Essen. Die Schwiegertöchter kochen – abwechselnd.
  • Hochzeiten, das Beilegen von Unstimmigkeiten sowie Versöhnung gehören unbedingt in diese Zeit, weil sich die meisten Verwandten nur einmal im Jahr zu Weihnachten treffen. Diese Gemeinschaft fehlt mir am allermeisten und schmerzt auch, wenn ich – wie in diesem Jahr – nicht nach Hause fliegen kann. (900–1400 EUR fallen dafür an.)
  • Den Advent feiern wir – ebenfalls anders als in Deutschland – mit „Nine Lessons and Carol“. Dazu versammeln wir uns in der Kirche zum gemeinsamen Singen von Weihnachtsliedern. Deren Inhalte sind geprägt von neun Stellen aus der Bibel, in denen Christus als Erlöser der Welt angekündigt wird (Genesis 3,8–19; Genesis 22,15–18; Jesaja 9,2.6–7; Jesaja 11,1–3a.4a.6–9; Lukas 1,26–35.38; Lukas 2,1.3–7; Lukas 2,8–16; Matthäus 2,1–12; Johannes 1,1–14).

Ich bedanke mich für Ihr Interesse und wünsche Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete verbleibende Advents- und kommende Weihnachtszeit. Im Gebet bleiben wir verbunden, auch über den Jahreswechsel hinaus.

Pater Stanley

Das Kernteam von Christus in die Mitte-Erfurt schließt sich dem sehr gern an und verabschiedet sich für 2021 von allen Leserinnen und Lesern. Wir danken vor allem für jedes Gebet und sagen ein herzliches Vergelt’s Gott allen, die sich inhaltlich und/oder technisch bei unseren Aktionen sowie für die Gestaltung unserer Website engagiert haben. Bleiben wir auch in der kommenden Zeit fest im Rosenkranz für unser Land/Bistum und füreinander verbunden, denn:

Sein Heil ist denen nahe,
die Ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne
in unserem Land.
Gerechtigkeit geht vor Ihm her und
Heil folgt der Spur Seiner Schritte.“

(nach Psalm 85)